MainPost - Ein Glücksfall für die Demokratie

Zuletzt aktualisiert: 19 Januar 2015

(MainPost, 17.01.2015) Pegida ist ein wichtiger Weckruf für die freiheitlich-demokratische Bevölkerung.

Sie verstecken ihre Ressentiments gegenüber anderen hinter einer bieder-bürgerlichen Fassade und tarnen ihren rückwärtsgewandten Nationalismus mit vermeintlich europäischem Patriotismus. Pegida und ihre regionalen Ableger vertreten im Kern menschenfeindliche Ansichten und zeigen auf bizarre Weise öffentlich ihre Feigheit. Und gerade deshalb ist Pegida ein wichtiger Weckruf für die freiheitlich-demokratische Bevölkerung.

„Lügenpresse“ und „Wir sind das Volk!“ sind zwei Dinge, die bei der Berichterstattung über Pegida immer wieder auffallen. Ersteres soll sagen, dass nur Pegida die Wahrheit über die Motive von Pegida kennt. Zweiteres soll das vermeintlich wahre Motiv zum Ausdruck bringen: dass es Volkes Wille sei, den Islam und Moslems in Deutschland nicht zu dulden. Und Pegida gehe nur auf die Straße und habe den Mut, genau das endlich einmal zu sagen. Man müsse auch mal mit Tabus brechen. Das ist eine typische und nicht sehr originelle Argumentation der politischen Rechtsaußen.

Aber sie verfängt: Überall in Deutschland gehen Menschen auf die Straße und demonstrieren ihre Menschenfeindlichkeit und Missachtung der Grundwerte unserer Verfassung. Dass die Würde des Menschen unantastbar ist, ist Pegida egal. Einer wehrhaften Demokratie zum Glück nicht. In vielen Städten, so auch in Würzburg, haben sich die Menschen mit Menschenverstand zusammengerauft, bieten mit dem Bündnis für Zivilcourage der Islamophobie und der braun gefärbten Anti-Demokratie die geistreiche Stirn. In München treten 20 000 Demokratinnen und Demokraten den nur 1500 Pegida-Anhängern entgegen.

In Dresden allerdings dominieren die Anti-Europäer nach wie vor das Bild. Manche sagen, es gelte die Sorgen dieser Menschen ernst zu nehmen, sie fühlten sich von der Politik unverstanden, ein Dialog müsse initiiert werden. Bei der Stadtratswahl 2014 sind nur 53 Prozent der Dresdnerinen und Dresdner zur Wahl gegangen. Aber auch in Würzburg lag bei der letzten Kommunalwahl die Quote mit nur 45,5 Prozent deutlich unter den Möglichkeiten einer lebendigen Demokratie. Niemand hindert wahlberechtigte Menschen daran, ihr demokratisch verbrieftes Recht wahrzunehmen und so ihren politischen Willen zu bekunden. Ein Recht, das viele der Menschen, gegen die Pegida hetzt, in ihrem Herkunftsland und in Deutschland nicht wahrnehmen konnten und können.

Tatsächlich aber geht es Pegida nicht um politische Gestaltung, sondern um gesellschaftliche Destruktion, darum, gegen etwas und gegen Menschen zu sein statt für etwas aktiv zu werden und Mit-Mensch zu bleiben. Genau diese beiden Defizite von Pegida hat die Demokratie-Bewegung erkannt. Die Demokraten sind bei ihren Demos lebensfreudiger und kreativer, sie fordern Rechte und keine Verbote. Aber was besonders wichtig ist: Die demokratische Bewegung anno 2014 argumentiert nicht, dass wir Flüchtlinge wirtschaftlich brauchen oder dass sie die besseren Menschen seien. Sie behauptet nicht, dass Multikulti problemlos funktioniert oder wir am besten gleich alle Menschen ganz arg lieb haben sollen.

Dabei stimmt es, dass tatsächlich nur gute Argumente für die Zuwanderung nach Deutschland angeführt werden können. Zuwanderung ist für Deutschland wirtschaftlich, demografisch, kulturell und sozial ein Hauptgewinn. Jede seriöse wissenschaftliche Studie kommt zu diesem Ergebnis. Aber diese Form der Rationalität ist für eine Demokratie gefährlich. Im Umkehrschluss würde sie bedeuten, dass wir Mitmenschen ausgrenzen dürfen, wenn wir sie wirtschaftlich oder kulturell nicht bräuchten. Die Würde des Menschen ist aber weder monetär noch politisch verhandelbar.

Alles, was die neue demokratische Bewegung daher macht, ist, für die Würde des Menschen einzutreten. Das wird in den Sarrazin- und Flüchtlingsdebatten gerne vergessen, es wird vergessen, wie sich Demokratie anfühlt. Auf dem Heuchelhof haben sich, wie vielerorts in Deutschland auch, einzelne Personen, Verbände, Kirchen und Vereine zusammengetan, um unsere Mitmenschen aus aller Welt würdig zu begrüßen. Pensionierte Lehrerinnen geben Deutschunterricht, Schulklassen kommen zum Teetrinken vorbei, Allerweltsleute organisieren Kleidung und Lebensmittel oder sind einfach nur zum Reden da, Verwaltungsbeamte arbeiten noch weit nach Feierabend für die gute Sache, die Schulen stellen Hallenzeiten für Fußball-Angebote bereit.

Diese Unterstützung ist anstrengend, raubt Zeit und Nerven, es belastet Familien und es geht manchmal an die eigene Substanz. Dinge werden falsch gemacht, es gibt Streit unter den Helfenden. Aber so fühlt sich Demokratie an – für etwas sein und für etwas handeln. Demokratie ist immer mit viel Aufwand verbunden, der sich am Ende lohnen wird. Pegida hat uns daran zum Glück wieder erinnert und wird als inakzeptable Missachtung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung fantasievoll überwunden werden. Zum Beispiel durch Fußball-Zocken jeden Mittwoch und Freitag mit den Flüchtlingen – Demokratie darf ja auch Spaß machen . . .

Heinz Reinders
Der Würzburger Bildungsforscher Heinz Reinders bekleidet seit 2007 den Lehrstuhl Empirische Sozialforschung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen. In seiner Freizeit engagiert sich Reinders als Jugendleiter beim SC Heuchelhof, organisiert kostenlose Hausaufgabenhilfe für Kinder aus Migrantenfamilien und unterstützt Hilfsaktionen für Asylbewerber. Mit seiner Frau Gudrun rief der 42-jährige Reinders 2011 die Aktion „M4all – Migranten-Mädchen Machen Mit im Alltagssport“ ins Leben.